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Das große Krabbeln

Bio-Kammerjäger im Trend

Die Pfungstädter Firma AMW Nützlinge bekämpft Schädlinge mit ihren natürlichen Gegenspielern - ihre Schlupfwespen kommen auf Bestellung zur Kundschaft. In der Landwirtschaft haben sich die Kerbtiere gegen den Maiszünsler längst bewährt, nun rücken sie verstärkt in Haushalten Lebensmittelmotten auf die Pelle.

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Das große Krabbeln überraschte Estefania M. beim Griff zur Müslitüte, aber der eigentliche Schock kam beim Frühjahrsputz. Denn nicht nur das Frühstück der Griesheimerin war kontaminiert mit dem quicklebendigen Nachwuchs der gemeinen Lebensmittelmotte, die Mitesser hatten Nudeln, Nüsse und Schokolade der alleinstehenden Dame befallen, selbst Früchtetee und Gewürze führten ein bewegtes Innenleben. Die anfangs haarfeinen Larven winden sich durch lose Schraubverschlüsse und gedeihen prächtig in Hohlräumen des Küchenschranks, hat die eigentlich auf Sauberkeit bedachte Physiotherapeutin in einem Internetforum erfahren - und Kontakt zur Firma AMW Nützlinge im benachbarten Pfungstadt aufgenommen. Seitdem bekommt sie regelmäßig Post von der Bergstraße. Die biologischen Schädlingsbekämpfer sind überaus erfolgreich darin, der Natur freien Lauf zu lassen. Seit Jahren züchten sie ihre Schlupfwespen der Gattung Trichogramma evanescens verstärkt auch für den Einsatz am heimischen Herd. 10 000 Haushalte werden mittlerweile jährlich von AMW versorgt, was einer Verdoppelung der Nachfrage entspricht, wie Sylvia Melchior betont. Selten seien hygienische Defizite der Grund für die Plage, vielmehr schafften milde Winter, überhitzte Wohnräume und der verstärkte Hang zur Bevorratung ein Klima, in dem sich allerlei Lästlinge wohlfühlten: „Wir bemerken sicher auch den Anstieg der Singlehaushalte, in denen vieles ein paar Tage länger als üblich liegen bleibt.“
Schmarotzen als Lebensprinzip
Der Krieg zwischen dem nützliche Parasit und seinem ungebetenen Gegenspieler ist oft schon entschieden, wenn die mit Trichogramma-Eiern beklebten Pappkartons aus dem AMW-Versandhandel nach Gebrauchsanweisung in der Küche verteilt werden. Nachdem die Schlupfwespen aus ihren Nissen geschlüpft sind, folgen sie ihrem tierischen Instinkt. Findet ein Weibchen das Ei einer Motte, senkt es mit dem Legerüssel ein eigenes hinein. Die Larve, die daraus hervorgeht, schlürft das fremde Ei von innen leer. Am Ende sind die fertigen Insekten bereit zu neuen Offensiven gegen die Motten-Gelege. Wer sich, wie Estefania M., mit dem Schmarotzertum innerhalb der eigenen vier Wände angefreundet hat, verdient sich nicht nur einen grünen Daumen, er bekommt vom Lebensprinzip der hochmotivierten Erzwespen auch wenig mit. Da die perfekten Kammerjäger ungern fliegen, jagen sie lieber zu Fuß nach Eiern. Bereits geringe Geruchsspuren der Motten stacheln die Beharrlichkeit der Trichogramma an, die Wespen witterten sogar schon den speziellen Signalduft, den ein bereits begattetes Mottenweibchen verströmt, um weitere Männchen fernzuhalten, hat Bernd Wührer beobachtet. Der Biologe, der die Firma zusammen mit Kollegin Melchior seit 1998 geschäftsführend leitet, ist nicht nur der Star verzweifelter Hausfrauen, er gehört seit Jahren zu den Pionieren des Nützlingseinsatzes in der Landwirtschaft. Gepackt hat ihn das Thema schon als Student, später prägt es seine Tätigkeit am Institut für biologischen Pflanzenschutz in Darmstadt. Als er seine Doktorarbeit über den „Einsatz der Trichogramma im tropischen Gemüseanbau“ schreibt, hat er den Keller seines Hauses in Pfungstadt bereits zu einem Brutkasten gegen das Bestiarium auf der Scholle ausgebaut. Heute wird die Parasitierung im Öko-Krieg gegen Schadmotten und Schädlingsraupen von einem nahe gelegenen Aussiedlerhof aus geführt. Im südhessischen Outback bringen ein halbes Dutzend Mitarbeiter die Wespeneier in Handarbeit auf Leimkarten auf oder tüten verrottbare Trichogramma-Kügelchen ein. „Der Wirkungsgrad von Schlupfwespen ist mittlerweile so hoch wie bei Insektiziden“, weiß Wührer, dessen Nutztiere täglich zwölf Millionen Nachkommen in die Welt setzen. Regelmäßig schreitet der hemdsärmelige Firmenchef die Klimaschränke ab und bestimmt den Entwicklungsstand der ruhelosen Brut, die gegen Schädlinge beim Anbau von Äpfeln, Kohl oder Wein eingesetzt werden. Die anfänglich hellen Eier färben sich nach einigen Tagen dunkel und zeigen dem Fachmann damit indirekt das Versanddatum einer Zuchtlinie an. Vor einigen Jahren in den Spinnrad-Läden noch belächelt, gehört die AMW-Produktpalette mittlerweile zum Mainstream auf Äckern, Wiesen und Wingerts. Dem vor neun Jahren gegründeten Verein deutscher Nützlingsanbieter, dem Wührer vorsitzt, gehören mittlerweile acht Betriebe an, die sich über volle Auftragsbücher freuen dürfen. Chemie im Essen will niemand mehr. Aber es sind nicht immer die Verbote von synthetischen Nervengiften, die ein Umdenken in der zunehmend defizitären Landwirtschaft bewirken. Häufig ist es auch die Einsicht auf nachhaltiges Produzieren unter dem Eindruck der Klimakatastrophe. Gerade die Bekämpfung des Maiszünslers, der wohl biestigsten Falterart, entwickle sich nach feuchtmilden Frühjahren zu einem Vabanquespiel. Ein Drittel des erwarteten Ertrages mache der Ernteausfall vielfach aus, sagt Wührer, der aber auch Totalausfälle dokumentieren kann. Zudem seien die Preise für Mais im Sinkflug. Ein Grund mehr, weshalb sich Wührers Team vor allem auf die Bekämpfung der Schmetterlingsfamilie der Gattung Crombidae eingeschossen hat.
Parasitierung im Zeitfenster
Der Falter kommt in der Dämmerung, und er treibt von Mitte Juni bis in den August hinein sein Unwesen. Im Frühjahr bleibt ein kleines Zeitfenster, in dem die Pfungstädter zusammen mit ihren Kunden den optimalen Ausbringungstermin für die Trichogramma bestimmen müssen. Werden die Eigelege des weiblichen Maiszünslers an der Unterseite der Blätter zu spät entdeckt, ist der Bekämpfungserfolg von über 80 Prozent bereits in Frage gestellt. Denn nach rund 10 Tagen schlüpfen die kleinen Zünsler-Raupen und verrichten ihr Tagewerk unsichtbar im Maisstängel, um sich bis zum Herbst nach unten durchzuarbeiten. Haben sie im Wurzelwerk erst mal überwintert, gibt’s keinen Halt mehr im Maislabyrinth: Die von Fraßlöchern durchzogenen und von Pilzen befallenen Stauden knicken häufig nach den ersten Stürmen ein. Eine Verpuppung im Mai spült dann erneut Myriaden junger Falter in den Kreislauf der Zerstörung. Gerne würde Bernd Wührer das Tätigkeitsfeld seiner Erzwespen über Deutschland und dessen Nachbarländer hinaus ausdehnen. Doch schlechte Transportbedingungen wie etwa nach Afrika, wo der Stängelbohrer ein Teil des Ernährungsproblems ist, würden logistische Unwägbarkeiten nach sich ziehen. Zudem entpuppten sich seine Hautflügler neuerdings als Sensibelchen und echte Gegner der Massentierhaltung. Eine Maschine, die deren Eier effizient mit Pressluft auf das Trägermaterial aufbringen sollte, musste wieder eingemottet werden: Die Trichogramma-Brut quittierte den sanften Luftzug mit millionenfachem Ableben. Estefania M. darf sich also weiterhin auf äußerst virile Postsendungen freuen. Und schämen muss sie sich für ihre geflügelten Mitbewohner längst nicht mehr, nachdem ihr Bernd Wührer indirekt ein Kompliment gemacht hat. Die Motten kaufe man meist schon mit den Lebensmitteln im Supermarkt ein, sagt der. „Die Qualität unserer Nahrung wird immer besser, die Belastung mit Schadstoffen nimmt ab.“ Auch das ein Resultat des biologischen Pflanzenschutzes.

THOMAS HERGET

Internet: http://www.amwnuetzlinge.de


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